»Wertschöpfung und ‘Chain Governance’« : Im Nord-Süd-Netz der Produktion [text]

:: 0512 | artikel/rezension



Mit “Produktion der Abhängigkeit” legte das FDCL im Oktober eine Untersuchung vor, welche Diskussionen um Netzwerkkapitalismus, Empire und globale Produktion im Kontext von Fragen „abhängiger Entwicklung“ situiert.
Thematisiert werden neue Ausprägungen und Mechanismen kapitalistischer Macht aus der Sicht des „globalen Südens“. Dazu gehört eine aggressive Enteignungsökonomie, die von den Zentren des Nordens auf (Bio-)Patente zugreift, per Handelsabkommen Zwangsexporte eigener Waren sowie poprietären Wissens forciert und auf Privatisierung sowie billige Ressourcen für eigene Wertschöpfungsketten drängt. Unterschrieben nicht zuletzt von der EU.
Einen besonderen Akzent legt Thomas Fritz ́ im Abschnitt „Globale Produktion, Polarisierung und Protest” auf die Skizzierung der Wechselwirkungen von industriellen Entwicklungszwängen im Süden und einer „hierarchisch strukturierten und von transnationalen Konzernen beherrschten“ globalen Arbeitsteilung. Wichtiges Theorie- und Daten-Material wird geliefert, um den Zusammenhang von “Kapitalexport und Klassenbildung” in den Blick zu kommen – und zu verstehn, dass der Weg der Konzerne nach “Übersee” oft selbst schon Reaktion auf potentiell widerständige Belegschaften “zu Hause” bleibt. Aspekte die „bei den meisten Erzählungen über Direktinvestitionen und Importsubstitution unterschlagen werden.“ Zur neuen Lage globalisierter Produktion gehöre als Rückseite eben auch, „dass sie… immer wieder bedeutende Prozesse der Klassenbildung und der Formierung unabhängiger Gewerkschaften auslöst“. Gleichzeitig werden – gegen alle Thesen über globale Angleichungen – immer noch „Mechanismen abhängiger Entwicklung in Gang gesetzt, die erhebliche soziale Ungleichheit auf nationaler und internationaler Ebene erzeugen.“ Vor diesem Hintergrund wollen die Autoren nicht in einen voreiligen Abgesang auf kritische Imperialismustheorien einstimmen. In den Mittelpunkt rücken etwa die rechtlich zementierten Investitionsregimes, die auf dem neuen kapitalistischen Entwicklungspfad alte Abhängigkeiten unter neuen Vorzeichen festschreiben. Vorgeführt wird, dass ökonomische Globalisierung geprägt bleibt von Monopolisierung des Produktions- und Vermarktungswissens, ja dass diese gegenwärtig sogar verstärkt werden. Umgekehrt hält die Studie auch an einer Art privilegierten
Widerständigkeit des Südens fest, wenn sieprognostiziert, dass „ArbeiterInnenproteste in der Peripherie auch künftig militantere Formen annehmen können als in den kapitalistischen Zentren.“
Erhellend eingebettet wird die Geschichte der „Chain Governance“ (als Form der Kontrolle der internationalen Produktionsketten) in die industriepolitischen Entwicklungen nach 1970-80. Übergangen wird leider die zentrale Frage, wie und mit welchen (gewerkschafts-)politischen Konsequenzen sich etwa die neuen „Mechanismen ungleicher Entwicklung“ in transnationalen brechen – gerade bei in Südamerika und anderswo operierenden, Konzernen wie VW, Mercedesoder Continental! …und welche Möglichkeiten neuartigen Widerstand und neuverfasster Solidarität sich daran konkret anschließen lassen. Die Ausrufung einer „globalen Organisierungsmacht“ (als „Internationalisierung eines Social-Movement Unionism“) bezeugt zwar eine wichtige Perspektive, bleibt aber in der entwicklungspolitischen Darstellung rein programmatische Idee und umgeht reale gewerkschaftspolitische Diskussionen, Zerklüftungen und Aufgaben.
Zentral bleibt nichtsdestoweniger, dass kritische Entwicklungspolitik und antikapitalistische Anstrengungen im Norden weiter miteinander in Dialog gebracht werden. Denn: „Angesichts der Formierung eines internationalen Handelsregimes, das periphere Ökonomien in prekärer Form in internationale Produktionsnetzwerke einbindet“ werden auch hier in der BRD und der EU „die Handlungsspielräume sozialer Bewegungen und Gewerkschaften beeinflusst“ Bleibt zu hoffen, dass es neben der angezielten „breiter angelegten Diskussion zwischen sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen“ über globale Ausbeutungsketten auch zu organisatorischen Schlussfolgerungen kommt.
Die Studie, „erstellt mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft“, ist so selbst ein exotisches Beispiel von EU-Entwicklungsarbeit in Sachen Kritik – gerade weil ihre Teile „in keiner Weise die offizielle Meinung der Europäischen Gemeinschaft darstellen“. Thomas Fritz, Christian Russau, Cícero Gontijo: „Produktion der Abhängigkeit: Wertschöpfungsketten. Investitionen. Patente“. FDCL, Berlin, Oktober 2005, 1.Aufl.

[-erschienen in: Neues Deutschland. 2.12.2005. »Wertschöpfung und ‘Chain Governance’«]