Paul Lévy, Kollektive Intelligenz und Cyberkultur – die Ankunft der »Hypercortex«

:: Vortrag : Kolleg Wissensfelder der Neuzeit> : Augsburg : 0209

(i): Keoni Kabral: E-Volve>
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Vortrag: Sommerakademie d. Kollegs ‘Wissensfelder der Neuzeit. Entstehung u. Aufbau d. europäischen Informationskultur’, Augsburg, 2.-6.9.2002


Paul Lévy, Kollektive Intelligenz und Cyberkultur – die Ankunft der »Hypercortex«

In seiner »Anthropologie des Cyberspace« skizziert der französische Medientheoretiker Pierre Lévy eine gesellschaftliche Vision, die das Internet als neues unilaterales Leitmedium sozialer und kultureller Interaktion vorstellt. Lévy´s  »erreichbare Utopie«, wie sie in der Kollektiven Intelligenz und anderen Texten zu finden ist, steht dabei in einem größeren Referenzrahmen von ähnlichen Netzutopien, wie etwa John Perry Barlows 1996 verfaßter “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”. In einer Art der theoretical fiction wird – allerdings unter größeren Theorieinvestitionen – unter den Vorzeichen einer historischen Evolutionsgeschichte eine doppelte Verheißungsfigur perpetuiert. Diese entwirft das Internet einserseits als Raum einer entstehenden egalitären Parallelwelt und geht andererseits von der Möglichkeit einer ungebrochenen Rückübersetzung  der im digital-elektronischen Netz verkörperten Ideal-Verhältnisse auf die gesellschatliche Gesamtsituation aus.

Der  theoretische »Witz« dieses Entwurfs besteht gegenüber den Erzählungen der Postmoderne, an die Lévy mit dieser konstruktiv-utopischen Antwort kritisch anschließen will, dabei in einer dem Netz zugeschriebenen Potenz zur »Universalität ohne Totalisierung« - einer universellen Zugänglichkeit, die keiner bestimmten Semantik unterstellbar ist, die dafür aber eine unendliche Zahl von »Singularitäten« und Perspektiven in sich vereinigen und vernetzen kann. Diese Figur ( - die sich im übrigen weniger mit den konkreteren Untiefen des realen WorldWibeWebs aufhält - ) charakterisiert wesentlich die Cyberkultur “die gerade im Entstehen ist” und zeigt dabei - in Entsprechung zu den vernetzten, digital-elektronischen Wissensbeständen des Internets - an, “dass das Wissen endgültig nicht mehr totalisierbar und beherrschbar ist”.

Es geht in diesem entworfenen Rahmen anders als in Visionen einer »Informationsgesellschaft« in der Konsequenz im wesentlichen um ein sehr spezifisches Modell der gesellschaftlichen Interaktion, das allerdings weiterhin um den Topos der »Information« organisiert bleibt. Statt um die strukturelle Organisation objektivierter Informationsbestände geht es aber vielmehr um ein Konzept zur »Herausbildung eines neuen Kommunikations-, Denk- und Arbeitsumfeldes der menschlichen Gesellschaft« in Form eines kollektiven Informationsaustausches. Komplexe und fortgesetzte »Problemlösung« bildet in diesem Theorierahmen den Kern menschlicher Interaktion und deren letztgültigen »Inhalt«. Dieser strukturelle »Wert« verkörpert sich in der ´leeren´ Form der elektronisch-digitalen Kommunikations-Netzwerke “konkreter technischer Strukturen”. Die materialisierte kollektive Intelligenz erscheint (zumindest auf den ersten Blick) weniger in der Gestalt einer gesellschaftlichen Reorganisation im üblichen Sinne noch  in Form eines inhaltlichen Programms oder interkulturellen Wertekanons als in der Form digitaler Netze, von Computerspeichern und multimodalen, interaktiven Interfaces.

Mit der Überblendung der beiden Motive von Kommunikation und komplexer Problembewältigung schließt dieses Modell u.a., an das im Zusammenhang mit der KI-Forschung entwickelten Konzepts der augmentierten Intelligenz von Douglas Engelbart an. Lévy weitet dies allerdings auf ein imaginiertes globales Kollektiv, ein unbestimmtes und in der Tradition der Aufklärung  vorgestelltes »Wir« aus und reichert es sowohl mit utopisch-religiösen Motiven wie auch mit den apologetischen Modellen einer medialen (Post-)Moderne an. Bei Douglas Engelbart war die »augmentierte Intelligenz« noch eine »synthetische Extension« im Rahmen eines körperlich vermittelten Verbundes von situierten Medienbenutzern und medialer Technik (Sprache, Artifakte und Methode) und diese synergetische Kopplung referrierte als ein Teilelement des gesellschaftlich-kulturellen Gesamtzusammenhangs auf eine komplexe Topographie anderer Formen der menschlichen »Augmentation«, in denen der Mensch als körperlicher Agent immer die zentrale Achse bildete; bei Lévy wird die »kollektive Intelligenz« die direkte, hypostatisierende und abstrahierende Ausweitung eines computergestützten Interaktionsmodells und besetzt in der technoimaginär transformierten Figur des Internets ausdrücklich und ohne weitere Vermittlungen den Platz eines gesellschaftstheoretischen Entwurfes. Wenn Lévy eine »Universalisierung ohne Totalisierung« beschreibt, so in einem Theorierahmen, der selbst ein sehr spezifisches Modell der Künstlichen Intelligenz als Referenzrahmen für die Beschreibung von Gesellschaftlichkeit, Anthropologie und Wissensformation totalisiert und sich einer kritischen Selbstreflexion entzieht.  Dabei wird Lévy´s Theorie – im diametralen Gegensatz zu Engelbart  - eine weitere Variante im Rahmen der reichhaltigen »posthumanistischer« Theoriebildung, soweit diese eine Überbietung des handelnden, körperlichen und gesellschaftlich postionierten Menschen einerseits durch die Strukturen, Logiken und Operationssphären einer totalisierten Medialität postulieren. Bei Lévy ist so am Ende “der unmittelbare Träger des Wissens … nicht mehr die körperliche Gemeinschaft …, sondern der Cyberspace” – An die Stelle der Plurilokalität unserer verkörperten Wirklichkeit(en) tritt eine ortlose, virtuelle »Hypercortex«. Das »Wir alle«, in dem Lévy in der Regel seinen Diskurs vorträgt, wird dabei theoretisch bedenklich ausgedünnt zu einer punktförmigen, unterbestimmten Subjektivität: es zählt zwar in seinen Geltungsbereich “Institutionen, Gemeinschaften, Menschengruppen und Individuen”, orientiert sich aber in der letzten Analyse, am technoformen und imaginierten Bild eines vereinzelten (»nomadenhaften«, »de-totalisierten«) »Informationsproduzenten und -Benutzers«.

Das paradoxe an seiner Beschreibung bleibt bei all dem eine Widersprüchlichkeit, die sich in der Doppelung des Internet-Dispositivs als einer determinierenden »Kulturmaschine« gegenüber der (»Cyber«)Kultur als einer offenen und potentiell vielschichtigen »Gebrauchsweise« andeutet. Genau in diesem Bereich, in dem das Internet in größere, komplexe systems of use und in andere, heterogene Bedeutungs- und Interaktionskontexte eingebettet wird, welche letztlich auch auf kulturelle und soziale Orte und ein “offenes Feld von Problemen”, das “Gewimmel der Menge und ihrer Beziehungen” verweisen, liegt das bei Lévy ungenutzte Potential einer detaillierten Analyse des »augmentierten Menschen«. Lévy weicht einer Analyse der divergenten »strategischen« und »taktischen«, jeweils spezifisch motivierten Zugriffe und Aneignungen des Makromediums »Internet«, da er keinerlei kollektive Agenten benennt, ebenso aus wie der Bestimmung der Wege und Bahnen, in denen sich diese in die verschiedenen Strukturen des Netzes rückübersetzen (als programmierte Strukturen, Aufmerksamkeitsstrategien, Konnektivitätspositionen, Zugangs- und Handlungs- und Wissensshierachien.etc.). Stattdessen bleibt der Rekurs auf »inhärente« Werte einer Netzstruktur und einer inhaltlich unbestimmten kollaborativen Kommunikationssituation. Ist Lévy´s Entwurf einerseits “die Arbeit an einer Steigerung der Komplexität im Begriff des Öffentlichen” und zielt dem eigenen Programm nach wesentlich auf die Steigerung von Partizipation, versucht er andererseits die ideologie-behaftete Welt sozialer und medialer Akteure zugunsten eines »theoretischen«, von sozio-ökonomischen sowie anderen hierachisierten Verhältnissen gereinigten, Raumes zu umgehen und verweist alle bekannten Problematiken der realexistierenden Lebenswelt schlicht in die “reich bevölkerte Stille des Cyberspace”. Ein differenzierter Begriff des Öffentlichen und seiner inneren Bruch- und Übersetzungslinien geht verloren. Im Gefolge eines technoformen Versprechens globaler Kollaboration und kollektiver Problemlösungen sind wir bei Lévy aufgrund dieser Absehung von reichhaltigen sozialen und kulturellen Räumen und verkörperten Wirklichkeitszusammenhängen am Ende – eher unter der Hand - wieder zu »Nomaden« im »Ozean« einer universalisierten, gesichtslosen und virtuellen »Öffentlichkeit« geworden, die sich - allen Absagen an ideologische Totalisierungsprogramme zum Trotz – um das fragwürdige Triumvirat “Bürger”-“freier Unternehmer”-“transparenter Markt” organisieren soll. Lévys Programm  zeigt sich letztlich als Vermittlung von mythisch-abstrakter Anthropologie, eines hypermodernisierten und technikreduktiven Aufklärungsprogramms und »kalifornischer Ideologie« – oder wie es in einer Kritik heißt: “Die Weltordnung der spät-kapitalistischen, liberalen Massen-Demokratie wird durch die Beigabe einer neuen Technik zu Verheißungen transformiert.” 

So begrenzt sich der Zugewinn, den Lévy durch die vielversprechende Sensibilisierung für die Zusammenhänge einer »Ökologie« der menschlichen Handlungssituation wie auch seine Fokussierung kollaborativer Interaktionsstrukturen mit ihren vielfältig Implikationen für die Organisationsweisen und Potentialitäten von Wissen verspricht. Lévy verweist zu Recht auf eine andere Art der Institutionalisierung und Verabredung von Wissen, Information oder Kultur, die mit den elektronischen Netzstrukturen in alle Verhältnisse eingelassen werden – auf die  mit dem Netz einhergehenden neuen “Zeitordnungen der Wahrheitsbildung, der Wissensprüfung, der Dauerhaftigkeit, der Ansässigkeits- und Herkunftsbedeutung, der Lernweisen, der Beteiligung, des Gedächtnisses und der Glaubwürdigkeit” (in den Worten von Manfred Faßler). Im Gesamt verliert Lévys Beschreibung doch aus den Augen (bzw. unterschlägt), dass  das Internet selber, so sehr es auch als zentraler Bestandteil der heutigen Infrastruktur auf strukturelle Verhaltensweisen aller Ebenen und Sphären der Gesellschaft durchschlägt, doch selber aus der Verstärkung bestehender Strukturen (Strukturen der Arbeit, der Industrie, der kulturellen Produktion, der meta-politischen Gruppierungen etc.) hervorgeht,  statt uns lediglich aus der Zukunft entgegenzuschlagen bzw. durch eine teleologisch verstandene »Meta-Evolution« zur Erscheinung zu gelangen. Da der vernetzte Cyberspace in seinen habhaften Strukturen - wie auch andere, ihm äußerliche Strukturen und Teil-Räume - in einem vielfach durchgliederten Afferenzfeld menschlicher Realitätsbereiche steht, totalisiert es sich nicht zum einzigen Strukturelement des »anthropologischen Raumes« - immer noch gibt es körperliche Akteure als Schlüsselstellen von verschiedenartigen Wissens- und Sinnproduktionen und als Umschlagstelle verschiedener, mithin stummer Praxen; immer noch gibt es das Fernsehen, die Buchkultur, Streiks, Basketball-Plätze, Kreditinstitute, Parkbänke und politische Programme… – das Netzwerk virtueller Beziehungen, organisiert über eine digital-elektronische Infrastruktur kann also, nicht der einzige Maßstab und die einzige Reflexionsfigur menschlicher Selbstbeschreibung und dementsprechend nicht die ganze »Lösung« sein. Die Metaphorik der »(Hyper-)Cortex«, die baut hier auf eine Ausblendung einer reichhaltigeren Körperlichkeit menschlicher Interaktion und die Reduktion des Menschen auf Informationsverarbeitungsstrukturen und Nervensysteme und stützt systematisch die gesellschaftliche Reduktion mit der Lévy operiert.

Literatur
Lévy, Pierre (1996) : “Cyberkultur”. In Telepolis, 23.7.1996. Internetressource: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2044/1.html (access date 10.6.2002)
Lévy, Pierre (1997) : Die Kollektive Intelligenz – Eine Anthropologie des Cyberspace. Bollmann (Kommunikation & Neue Medien). Mannheim.
Lévy, Pierre (2000) : “Meta-Evolution”. Internetressource: http://www.com.washington.edu/rccs/books/levy/metaevolve.html (access date 10.6.2002)
Bardini, Thierry (2000) : Bootstrapping. Douglas Engelbart, Coevolution, and the Origins of Personal Computing. Stanford University Press. Stanford.
Faßler, Manfred (1997) : “Netzwerke der Kulturen, Orte der Zivilisation”. In:  Ästhetik & Kommunikation (Juni 1997). Internetressource: http://www.prkolleg.com/aesthetik/97_02.html (last accessed: 23.4.2001)
Hrachovec, Herbert (1997) : “Über den Wolken”. Rezension zu Pierre Lévy: Die kollektive Intelligenz. Für eine Anthropologie des Cyberspace. InternetRessource: http://hhobel.phl.univie.ac.at/~herbert/levy/levy.html (last modified 30.12.1997)