Mit der Planwirtschaft auf Du | Michael Alberts Parecon [artikel]

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Michael Albert stellte auf Europareise sein Buch “ParEcon – Leben nach dem Kapitalismus” vor. Dessen Inhalt: ein langes Plädoyer für eine demokratische Planwirtschaft – …minus Lenin.

“The Times They are a changing”: Michael Albert, Mitherausgeber des linken Meinungsportals “Znet”, hat seit Beginn der 80er Jahre 15 Bücher rund um alternative Ökonomie verfaßt. Nach seinem eigenen Dafürhalten haben “alle wenig Aufmerksamkeit bekommen”. Eine zusammenfassende Neuauflage dieser Theorie-Arbeiten wurde jetzt veröffentlicht unter dem Titel “ParEcon” – dem Kürzel für “Partizipatorische Ökonomie”. Und: 400.000 verkaufte Exemplare allein bei Amazon-USA seit 2003 und die Übersetzung in 15 Sprachen zeigen einen durchaus passablen politischen Marktwert an. In Zeiten in denen Attac, BUKO, Contraste eV und selbst der DGB Berlin-Brandenburg der “solidarischen Ökonomie” einen großen Kongress widmen, und in der laut Financial Times die Mehrheit der Bevölkerung die Martwirtschaft ablehnt, trifft das Buch wohl einen von kapitalistischer Globalisierung überreizten Nerv.

Verstehen kann man ParEcon als eine Art Do-It-Yourself-Anleitung für eine alternative “politische Ökonomie”, eine große Blaupause einer selbstbestimmten, demokratischen Wirtschaft, koordiniert von Räten auf allen Ebenen. Es ist gleichzeitig ein Versuch dem Credo und der vermeintlich letzten Verteidigungslinie kapitalistischer Marktwirtschaft – TINA: “There is no Alternative” – etwas Argumentatives wie Visionäres entgegen zu setzen. Ein konzeptueller Todesstoß, in der Hoffnung, das Begeisterung und die Bewegung folgen. Auf den ersten Blick kommt ParEcon daher wie die längst überfällige sozialistische Hausaufgabe, geht es stur und gerade daran, einmal in allen Aspekten auszumessen, wie man sich die Architektur einer auf Arbeiter- und Konsumenten-Räten basierten Wirtschaft konkret vorstellen darf …bis hin zu “Larrys Arbeitswoche”. Überhaupt: anstatt für die Dekonstruktion des Kapitalismus Theorie-Kaskaden wie Hardt/Negris „Empire“ auf zu türmen, oder neue Übergangsprogramme aus den Strategielaboren der Avantgarde heraus zu posaunen, verblüfft Albert die ökonomische Fachwelt und den politischen Diskurs gleichermaßen mit unerwartet klaren, einfachen aber grundlegenden Fragen wie: warum bekommen Menschen, wie Müllmänner oder Kindergärtnerinnen weniger Lohn als etwa Friedrich Merz – trotz nachweislich härterer Arbeit; oder: wieso werden ausgebildete, „qualifizierte“ Berufe so viel besser bezahlt, wo Ausbildung doch mehr Spass macht als Toiletten reinigen? Der Markt wird weniger der Ineffizienz überführt – obwohl Albert auch hierfür Argumente liefert – als er vielmehr auf Schritt und Tritt angeprangert wird, weil er unfähig ist “die wirtschaftlichen Notwendigkeiten erfüllen zu können, und dabei die Solidarität zu fördern”. Albert geht es vor allem und immer um dieses “und”: von Effizienz und globaler Solidarität, von Ökonomie und demokratischer Rechtfertigung, von Planung und selbstbestimmter Partizipation. So wird ParEcon von weiteren gängigen Alternativen auf dem Markt der „Politischen Ökonomie“ abgegrenzt: Markt- und Planungssozialismus, so wie „Bioregionalismus“. Teilweise stößt Albert hier auch in höhere Abstraktionsbereiche vor, ohne dabei jemals die handwerkliche Bodenständigkeit, den moralischen Ton und das allgemeine „Du“ in seiner Version der „Politischen Ökonomie“ ganz hinter sich zu lassen. In den Bereich rustikaler Theorie-Arbeit fällt neben der Idee der Auflösung „hierachischer Arbeitsteilung“ zugunsten „ausgewogener Tätigkeitsbündel“ vor allem seine Kritik der „Koordinatorenklasse“. Diese mag er, anders als seine „kommunisitschen“ Doppelgänger, nicht dulden – auch nicht für eine Übergangsphase. Sozialismus und Leninismus als „Ideologien einer potentiellen Koordinatorenklasse“, so lautet die dann doch suffisante Selbstunterscheidung der ParEcon von K-Gruppen, die Albert auf der Lesereise als Verkaufsargument und Streitknochen feil bietet. Und so verwundert es nicht, das im kurz enthaltenen Literaturverzeichnis neben dem Anarchisten Kropotkin, der Science Fiction Autorin Ursula K. LeGuin der Rätekommunist Anton Pannekoek als einzig stattlicher Marxist in Erscheinung treten darf. Werte wie “Selbstbestimmung” und “Partizipation” des Einzelnen (und Aller) sind Albert heiliger als das marxistische ABC oder die Frage des eventuellen störenden Fortwirkens der Werttheorie. Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Effizienz als kollektive Richtwerte tun es seiner Meinung nach ebenso. Und diese haben den Vorteil, die Frage nach politischem Mittel und ökonomisch-gesellschaftlichem Ziel bequemerweise in Eins fallen zu lassen. Vielleicht ja auch effizienterweise, wie er bescheiden anmerkt. Denn so die Logik: nur in demokratischen Strukturen läßt sich demokratische Planung lernen. “Anstrengung” und “Betroffenheit” sollen in den Räten von Arbeitern und Konsumenten andere verquarzte Kalküle – wie Preise, Grenznutzen, Produktionskosten – ersetzen. „Situative Planung“ auf allen Ebenen eben. Das ist auch effizient. Und vor allem ehrlich und gerecht. So Albert.

Albert mag aber am Ende vor allem eines nicht: ökonomische Klassen. Und unterscheidet sich hier deutlich von anderen liberalen Theoretikern der „deliberativen Demokratie“. Es bedarf also wohl sehr hintergründiger Überlegungen um, wie die SZ , Alberts Entwurf als “Modell eines humanen Kapitalismus” miszuverstehen. So einfach ist das Buch dann wohl doch nicht für jederman zu verdauen.

Parecon. Leben nach dem Kapitalismus.Trotzdem Verlag. 2006. 186 S.

oliver lerone schultz | laborB*

-erschienen in: junge Welt. 11.11.2006. »Warum weniger als Friedrich Merz?«. Ebenfalls in: Neues Deutschland. 24.11.2006. »Mit der Planwirtschaft auf Du« ]